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Gedenken an die Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 – Kuper: „Erinnerung bewahren, Verbrechen aufarbeiten, unser Wort erheben“

09.10.2020 / Der Präsident des Landtags, André Kuper, und der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, haben vor rund 100 Gästen an die Befreiung des Kriegsgefangenlagers Stalag 326 in Schloß Holte-Stukenbrock vor 75 Jahren erinnert. Es war eines der größten Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet des Deutschen Reiches und war am 2. April 1945 von US-amerikanischen Soldaten befreit worden. Die ursprünglich für April dieses Jahre geplante Gedenkveranstaltung war wegen der Corona-Pandemie abgesagt worden.

In seiner Gedenkrede sagte Landtagspräsident André Kuper: „Wir gedenken der tausenden Opfer, denen die Nationalsozialisten im ‚Stammlager 326‘, das Menschsein absprachen, sie peinigten und dem Tode preisgaben. Mit dem Erinnern an die Geschichte dieses Ortes möchten wir ein Zeichen für die Gedenkarbeit setzen: Hier endeten Lebenswege in Erniedrigung, Hunger, Schmerz und Tod. Was Menschen hier ertragen und erfahren mussten, bleibt für immer ein fester Bestandteil der deutschen und europäischen Geschichte. Die nationalsozialistischen Verbrechen gegenüber der Menschlichkeit machen in ihrer unvergleichbaren Dimension schnell sprachlos. Doch umso mehr dürfen wir Demokraten unsere Sprache und unsere Haltung niemals verlieren. Dieser Ort ist mit einem Auftrag an uns alle verbunden: die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus bewahren, die Verbrechen weiter aufarbeiten und, wann immer notwendig, unser Wort gegen menschenfeindliche Ideologie erheben.“

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Landtagspräsident André Kuper

Ministerpräsident Armin Laschet: „Ein tiefer und dunkler Schatten liegt über diesem Ort, dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager ‚Stalag 326‘. Auch 75 Jahre nach dem Ende des Krieges sind wir aufgerufen, die Erinnerung daran wachzuhalten und in den Schatten hineinzuleuchten. Wir sind es den Opfern aus der damaligen Sowjetunion schuldig, die in Folge mangelhafter Ernährung, Versorgung und Unterbringung sowie der ausbeuterischen Arbeitseinsätze ums Leben kamen, ihren Angehörigen und allen, die die Gräuel überlebt haben. Wir sind es aber auch uns selbst schuldig, damit wir uns bewusst bleiben, wohin Fanatismus, Verblendung und Hass führen können. In diesem Sinne weist der Erinnerungsort ‚Stalag 326‘ auch in die Zukunft. Die Geschichte des Ortes ist zudem ein Auftrag, mit Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion im Gespräch zu bleiben und den Weg von Aussöhnung und Verständigung, auch in schwierigen Zeiten, weiterzugehen.“

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Ministerpräsident Armin Laschet

In den Jahren 1941 bis 1945 durchliefen mehr als 300.000 vorwiegend sowjetische Kriegsgefangene Stalag 326. Damit war es wohl das größte Lager für diese Personengruppe. Von dort wurden die Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter über das gesamte Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalens verteilt, zum Teil auch darüber hinaus. Nach Schätzungen sind bis zu 65.000 dieser Kriegsgefangenen gestorben oder getötet worden. Der nahegelegene Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter ist eine der größten Kriegsgräberstätten in der Bundesrepublik Deutschland.

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Marina Mehlis, Urenkelin eines russischen Kriegsgefangenen aus Moskau

Bei der Gedenkveranstaltung auf dem ehemaligen Lager-Gelände schilderte Marina Mehlis, die Urenkelin eines russischen Kriegsgefangenen aus Moskau, der im Stalag 326 verstorben ist, die persönliche Familiengeschichte. Lange Zeit wusste die Familie nichts über dieses Schicksal, der Urgroßvater galt als verschollen. „Meine Geschichte ist eine der vielen Millionen Familiengeschichten aus dem Krieg, und als Russin bin ich dankbar, dass man in Deutschland dafür sorgt, dass die Spuren dieses Krieges nicht verloren gehen. Ich repräsentiere die Generation der Urenkel, denen es auch sehr wichtig ist, an die Geschichte der eigenen Familie zu erinnern und auch unseren Kindern und Enkeln beizubringen: Man soll nie vergessen, damit es nie wieder passiert. Wir sind zuständig für den Friedenserhalt in der Welt, für den Frieden zwischen Ländern und Völkern.“ 

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Als Stimmen der Zeitzeugen verlasen Schülerinnen des Gymnasiums Schloß Holte-Stukenbrock Berichte von Kriegsgefangenen, die das Grauen des Lebens und Überlebens im Stammlager 326 beschrieben.

Die Gedenkstätte Stalag 326 wird bislang ehrenamtlich betrieben. Eine Steuerungsgruppe unter Leitung von Landtagspräsident André Kuper mit Vertretern von Land und Kommunen hat die Arbeit aufgenommen, um das Gelände zu einer Gedenkstätte von nationaler und internationaler Bedeutung weiterzuentwickeln. Geplant sind unter anderem ein Neubau für Ausstellungen und Vermittlungsarbeit sowie eine Neukonzeption der historischen Orte, um an das Leid der Kriegsgefangenen zu erinnern. In Verbindung mit dem Ehrenfriedhof soll ein würdiges Totengedenken ermöglicht und die Geschichte von Stalag 326 weiter erforscht werden.

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Oliver Nickel, Leiter der Gedenkstätte, zeigte Ministerpräsident Armin Laschet und Landtagspräsident André Kuper die Gedenkstätte.

Fotos: Besim Mazhiqi
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