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Video: Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

04.02.2020 - Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten auf ihrem Vormarsch nach Westen das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. 1,1 Millionen Menschen waren dort ermordet worden – darunter rund eine Million Juden. An die Befreiung des Konzentrationslagers vor 75 Jahren und die Opfer des Nationalsozialismus erinnerte der Landtag mit einer bewegenden Gedenkveranstaltung.

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Gedenkveranstaltung zu Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 26. Januar 2020 im Landtag Nordrhein-Westfalen

Off-Stimme:     

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten auf ihrem Vormarsch nach Westen das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Sie fanden nur noch wenige Tausend Überlebende vor – verängstigte, fast erfrorene und verhungerte Häftlinge. 1,1 Millionen Menschen waren in Auschwitz-Birkenau ermordet worden – darunter rund eine Million Juden.

An die Befreiung des Konzentrationslagers vor 75 Jahren und die Opfer des Nationalsozialismus erinnerte der Landtag mit einer bewegenden Gedenkveranstaltung.
    
Rund 500 Gäste waren gekommen, um an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen.
Der Präsident des Landtags, André Kuper, konnte auch den heute 91 Jahre alten Shoa-Überlebenden Gary Wolff und dessen Enkel Danielle und Julian begrüßen.

Der in Düsseldorf geborene Wolff hatte mehrere Konzentrationslager überlebt, darunter Auschwitz. Seine Mutter Johanna und sein Vater Eduard wurden dort ermordet. Seit Ende der 40er-Jahre lebt er in den USA.

Präsident Kuper sagte in seiner Begrüßung:

André Kuper, Präsident des Landtags Nordrhein-Westfalen:

Auschwitz gehört für alle Zeiten zu einem mahnenden Gedächtnis der Menschheit. Wir sind aber auch hierhergekommen als Demokraten – bereit und entschlossen, immer wieder neu die Versöhnung zu suchen, Antisemitismus und politischen Chauvinismus zu bekämpfen. Freiheit und Demokratie sind der einzige Weg für eine Zukunft in Menschlichkeit und in Frieden. Und unsere Geschlossenheit in dieser Stunde als Vertreter von Legislative, Exekutive und Judikative, als Vertreter von Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden, als Mitmenschen, unterstreicht unsere Entschlossenheit, jedweder Form von Antisemitismus in unserem Land ohne Wenn und Aber zu wehren. Meine Damen und Herren, das ist keine Leerformel, wenn ich das sage. Jedwede Relativierung, Beschwichtigung oder Verharmlosung des grausamen industriellen Massenmordes bedarf eines gesellschaftlichen Aufschreis. Nicht nur zu Gedenktagen, sondern immer und jederzeit.
    
Off-Stimme:     

Für die jüdischen Verbände in Nordrhein-Westfalen sprach Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln. Lehrer mahnte, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wachzuhalten:

Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln:

Wie können wir sicherstellen, dass es nicht geschieht? Für uns und für alle nachgeborenen Generationen gilt: Diese Geschichte müssen wir kennen und aushalten. Nur wenn jede Generation wieder bereit ist, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen, kann sie auch daraus lernen. Denn wer den Abgrund von Auschwitz kennt, wird die Menschenwürde nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Wir müssen alle gemeinsam nachdenken, wie wir das größte Verbrechen der Menschheit an die junge Generation in der Zukunft vermitteln können. Wir müssen uns um die gesamte junge Generation bemühen und sie in unsere Erinnerungskultur einbinden. Wenn wir junge Menschen nicht erreichen, dann sind sie für unsere Demokratie verloren.

Off-Stimme:

Gary Wolffs Enkel Danielle und Julian berichteten eindringlich von den Erlebnissen ihres Großvaters während des Nationalsozialismus und erinnerten an sein Schicksal. Wie er als Kind den Aufstieg der Nazis erlebte und am 27. Oktober 1941 deportiert wurde. Und wie er und seine Eltern im Spätsommer 1944 aus dem Ghetto nach Auschwitz gebracht wurden.

Julian Wolff:

Kaum angekommen, wurden Frauen und Männer getrennt. Opa sah seine Mutter nie wieder.

Dr. Mengele, der berüchtigte Todesengel, trennte die, die er für gesund hielt, mit einem flüchtigen Blick von den ungesunden, indem er mit dem Daumen in die eine oder die andere Richtung zeigte. Opa gibt diese entsetzliche Erinnerung als seinen ersten Glückstag in Birkenau in seinen Erzählungen wieder. Er erinnert sich lebhaft an eine Rede an diesem Tag: „Wenn ihr glaubt, hier rauszukommen, vergesst es. Der einzige Weg hier heraus führt durch die Schornsteine.“

Unser Urgroßvater wurde schnell krank und starb. Im Alter von 16 Jahren war Opa auf sich allein gestellt, aber entschlossen zu überleben. In Birkenau lernte er, sich unsichtbar zu machen.

Off-Stimme:

Im Mai 1945 wurde Wolff in Theresienstadt befreit.

Danielle Wollf Ser:

Opa wurde im Oktober geboren. Doch den 8. Mai 1945, den Tag, an dem er befreit wurde, nennen wir seinen zweiten Geburtstag.

Off-Stimme:

Die Enkel endeten unter großem Applaus sehr persönlich.

Danielle Wolff Ser:

Mein Opa ist und wird immer meine größte Inspiration und eine unendliche Quelle der Kraft und Liebe bleiben.

Off-Stimme:

Und Julian mahnte:

Julian Wolff:    

Antisemitismus, Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und jede Form von Diskriminierung sind gefährliche Methoden, um die Bürgerschaft dieses Planeten zu spalten. Ausländerfeindliche Strategien in den 1930er-Jahren verhinderten die Flucht meiner Familie in die USA, und die Geschichte beginnt so, sich zu wiederholen.

Off-Stimme:
  
Ministerpräsident Armin Laschet dankte Gary Wollf und seinen Enkeln. Und er mahnte, gegen Antisemitimus und Rassismus aufzustehen.

Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen:

Nie wieder. Und jetzt: Schon wieder. Schon wieder seit 70 Jahren, seit 75 Jahren. Der Antisemitismus war nie weg. Aber er sagt das heute wieder laut. Ein Junge beschließt am Jom-Kippur-Tag, Juden zu töten in Halle. Und weil er die Tür nicht aufkriegt, geht er auf die andere Straßenseite in eine Dönerbude. Das zeigt das tiefere Denken dahinter. Es geht nicht nur gegen Juden, es geht gegen andere, die anders sind. Das haben die beiden markant auch an den Beispielen der amerikanischen Situation, der europäischen Situation heute beschrieben. Es ist gegen Minderheiten und Menschen, die anders sind. Und deshalb ist das so gut, dass sie hier sind. Mich beeindruckt das zutiefst, dass jemand, der das erlebt hat, der heute vor 75 Jahren auf dem Todesmarsch von Auschwitz Richtung Buchenwald war, von dem nicht viele überlebt haben, aber wenige dann doch, dass der seine Kinder auf deutsche Schulen schickt, ihnen Deutsch beibringt. Ich hätte wahrscheinlich in meinem Leben nie wieder überhaupt ein Wort einer solchen Nation in den Mund genommen. Und deshalb: großen Respekt zu dieser großen Geste der Versöhnung und dass sie so großartige Enkel haben, die das Erbe fortsetzen.

 

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